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Buchtipps - Roman

Hettche erzählt zwei Geschichten: In der Gegenwart führt er uns in einer phantastischen Ebene auf den Dachboden der Puppenkiste, auf dem wir auf viele uns wohlbekannten Marionetten treffen, wie Lukas, Jim Knopf und das Urmel. Hier trifft ein Mädchen, auf Puppengröße geschrumpft, auf die Tochter des Gründers der Puppenkiste Walter Oehmichen. Diese erzählt, zweite Erzählebene, die Entstehungsgeschichte der Augsburger Puppenkiste während des zweiten Weltkrieges aus ihrer Perspektive. Hier spielt neben der Familie auch Zeitgeschichte eine große Rolle.

Alzheimer. Diese Diagnose erhält der siebzigjährige Ex-Serienmörder Byongsu Kim. Ein Mann, der seine Tage lieber mit dem Schreiben und Lesen verbringt, sieht sich gezwungen ein letztes Mal zu morden. Denn der neue Freund seiner Tochter scheint ein Serienmörder zu sein. Eine Herausforderung, wenn man an Demenz erkrankt ist. Er hilft sich mit einem Aufnahmegerät und Notizzetteln, doch mit der Zeit versteht er nicht mal mehr seine Aufzeichnungen.

Ein Buch zum Versinken in die Belle Époque. Aus der Begegnung mit dem Bild „Dr. Pozzi at Home“ im Museum hat Barnes eine kluge, auch ironische Kulturgeschichte dieser Epoche geschaffen. Seine Hauptfigur ist der Gynäkologe Samuel Pozzi, ein innovativer Arzt, Frauenheld und Kunstsammler. Pozzi trifft auf viele Intellektuellen seiner Zeit, Henry James, Victor Hugo, Sarah Bernhardt, von Maupassant, Oscar Wilde, um nur wenige zu nennen. Sein Wohnort Paris ist das Zentrum der europäischen Kultur.

Die 57jährige Chassidin Surie Eckstein lebt streng orthodox lebend in Williamsburg, New York. Zahlreiche Kinder hat sie zur Welt gebracht und bald wird sie wieder Urgrossmutter. Da erfährt Surie, dass sie mit Zwillingen schwanger ist. Dank ihres Übergewichtes fällt das erstmal niemandem auf. Sie verschweigt ihre Schwangerschaft und selbst ihr liebender Mann erfährt nichts. Surie beginnt im Laufe des Romanes die vielen Regeln ihres Glaubens in Frage zu stellen und bekommt einen anderen Blick auf ihr Leben, ihre Gemeinde und ihre Religion.  

Ein Leben für die Rakete. Mellem, der selbst Physiker ist, beschreibt in seinem Debütroman das Leben des Raketen-Pioniers Hermann Oberth. Oberth, aufgewachsen in Siebenbürgen, würde man heute wohl als Nerd bezeichnen, er träumte schon Anfang der 1920er-Jahre von einer Mondrakete. Sein Leben ist voller Widersprüche, er scheitert oft und hat dennoch immer auch kleine Erfolge. Wernher von Braun ist sein Schüler, bekannt wird er auch durch seine Zusammenarbeit mit Fritz Lang.

Manchmal reicht eine Begegnung, um alles zu ändern. Im Mittelpunkt steht ein namenloser älterer Mann, der sein Leben lang Brücken gebaut hat. Er ist Vater von drei erwachsenen Kindern, die geografisch und auch emotional weit weg von ihm sind, auch weil er sich selten um sie gekümmert hat. An einem Sonntagmittag sagt seine Tochter überraschend ein Familienessen ab. Der Vater streift ziellos durch die Stadt und trifft Elena, eine alleinerziehende Mutter mit ihrem Sohn Gaston. Er lädt die beiden zum Essen ein.

Egidius Arimond, der Held und Tagebuchschreiber in Scheuers meisterhaft geschriebenen Roman ist Epileptiker. Mit Medikamenten hat er die Symptome einigermaßen im Griff, doch die sind in den Kriegsjahren 1944/45 schwer zu bekommen. Er umsorgt und pflegt seine Bienenvölker, man lernt als Leser viel über Bienen und er liebt Frauen, geht immer neue Verhältnisse ein. Juden schmuggelt er über die belgische Grenze, als Flüchtlingsversteck dienen ihm Bienenkästen. Zusätzlich erzählt der Tagebuchschreiber die Geschichte eines seiner Vorfahren aus dem 15.

Neues aus Holt: Jack Burdette ist ein unangenehmer Mensch von Kindheit an. Seine Eltern sind mit ihm überfordert, in der Schule ist er gefürchtet. Trotz allem macht Burdette Karriere: Erst als gefeierter Footballstar, später als Manager der örtlichen Farmer-Kooperative. Über Nacht verschwindet er, nimmt dabei das Geld der Farmer an sich und lässt seine schwangere Frau samt Kinder zurück. 8 Jahre später kehrt er nach Holt zurück, hier beginnt der Roman. In Rückblenden erzählt der Journalist Pat die Geschichte von seiner und Jacks Jugend.

Es geschieht das Unmögliche: Das gleiche Flugzeug landet zweimal und plötzlich stellen sich für Passagiere und Behörden existenzielle Fragen. Wie gehen die Personen (vom Auftragsmörder über einen Starsänger bis zum Erfolgsautor) damit um, dass sie sich plötzlich verdoppelt haben? Die einen haben von März bis Juni ihre Leben normal gelebt, den anderen fehlt dieser Zeitraum. Was tun sie, wenn sich die März- und die Juni-Versionen gegenüberstehen?

Der bekannte Schauspieler Selge (*1948) wuchs wenige Meter von einem Gefängnis entfernt in einem protestantisch und musisch geprägten bürgerlichen Elternhaus auf. Sein Vater war Gefängnisdirektor, er hatte mehrere Brüder, zwei davon verstarben in jungen Jahren. Der Tod seiner Brüder und das Verhältnis zu seinem Vater, der ihn schlägt ihn und sexuell bedrängt spielen im Roman eine wichtige Rolle. Es geht um das Aufwachsen in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, um die familiäre Aufarbeitung von Nationalsozialismus, Antisemitismus und um klassische Musik.